Breath and Voice

Grundlagen der Stimmgebung:

 Daniel Hünermund

 

Überblick:

Die Stimmgebung, d.h. das Sprechen und Singen wird von vielen Faktoren beeinflusst. Stimme ist hörbar gewordene Ausatmung! Der Stimmklang entsteht im Kehlkopf, hier liegen die beiden Stimmlippen. Diese werden von der aus der Lunge strömenden Ausatemluft in Schwingung versetzt und erzeugen so den Stimmklang (Primärklang). Die Atmung spielt bei der Stimmerzeugung also eine entscheidende Rolle!  Als Resonanzraum der Stimme dienen die Mund-, Rachen- und Nasenräume. Diese Räume werden auch als Ansatzrohr bezeichnet. Hier entstehen die für die Tragfähigkeit der Stimme so wichtigen Obertöne. Das Ansatzrohr dient aber nicht nur als Resonanzraum, sondern hier werden auch mittels Zunge, Kiefer und Lippen (den sogenannten Sprechwerkzeugen) Laute geformt, die den undifferenzierten Stimmklang in Sprache umsetzen. Diesen Prozess nennt man Artikulation.

Stimme und Sprache entstehen also durch das Zusammenwirken von Atmung, Kehlkopfmuskulatur (Stimmlippen etc.)  und Ansatzrohr. Der Sprechvorgang wird vom Gehirn gesteuert. Sprechen ist ein hochkomplexer Prozess, an dem über hundert Muskeln beteiligt sind!

Folgende auf die Stimme und aufs Sprechen unmittelbar einwirkende Komponenten sind von großer Bedeutung:

Aufrichtung / Haltung:

Man könnte sich fragen: Was hat meine Haltung denn mit meiner Stimmgebung zu tun?  Wenn wir krumm und gebeugt stehen, gehen oder sitzen, wirkt sich diese Köperhaltung ungünstig auf unsere Atemräume aus. Unsere Lungen werden zusammengequetscht und können nicht optimal arbeiten. Das bedeutet, die Ausatemluft, als der „Motor“ unserer Stimme, kann nicht optimal in Klang umgewandelt werden. Auch eine schiefe Kopfhaltung wirkt sich negativ auf die Kelkopfaufhängemuskulatur aus und damit ebenfalls auf die Stimmerzeugung. Eine falsche Haltung führt unweigerlich zu Verspannungen, zu einem Festwerden der Atemmuskulatur und dadurch z.B. zu einem zu hohen Stimmdruck bei der Phonation (=Stimmerzeugung).

Es ist also von entscheidender Bedeutung, eine aufrechte Haltung einzunehmen. Allerdings ist dabei zu beachten, dass es nicht um eine starre Haltung geht, vielmehr sollte sich der Körper in einer guten, flexiblen, also beweglichen Spannung und Aufrichtung befinden. Diese „flexible Aufgerichtetheit“ ist ideal für die Stimmgebung!

 

Die Atmung:

Die Voraussetzung für eine belastbare Stimme ist eine gute, tiefgreifende Atmung! Wenn sowohl der Brustkorb und die Flanken, als auch der Bauchraum an der Atmung beteiligt sind, spricht man von einer costo-abdominalen Atmung. Die Bauchdecke muss für diese Atemform locker sein, bzw. in der Atempause nach der Ausatmung immer wieder gut lösen können. Unterstützt wird diese Lösung durch bewusst gesetzte Sprech- und Atempausen. Hierdurch kann auch der Kehlkopf immer wieder lösen und die darin liegenden Stimmlippen können sich fortwährend regenerieren. Das Ergebnis besteht in einer größeren Belastbarkeit der Stimme. Heiserkeit tritt sehr viel später oder gar nicht ein. Weiterhin ist beim Sprechen und Singen darauf zu achten, die Atembögen nicht zu überziehen. Denn dadurch kommt es zum Luftschnappen, was nicht nur unästethisch wirkt, sondern auch ein Teufelskreis ist. Besser ist es also, rechtzeitig Pausen zu machen und in Ruhe die Luft einfließen zu lassen.Bei der Stimmgebung und bei der Artikulation sollte man folgendes beachten:

 

Stimmgebung:

 Durch unsere Stimme bringen wir immer auch unsere Gefühle zum Ausdruck. Wir wissen alle, dass wir an der Stimme, besonders von uns nahe stehenden Menschen, sofort erkennen können wie es ihm/ihr im Moment geht. Unsere Stimme übermittelt unsere Stimmung – umgekehrt beeinflusst unsere Stimmung/Befindlichkeit  unseren Stimmklang. Unsere Stimmlippen bestehen überwiegend aus Muskulatur und darüber liegender Schleimhaut. Es ist essentiell für eine dauerhaft belastbare Stimme, diese Schleimhaut nicht zu vernachlässigen. Wir können unsere Schleimhäute geschmeidig halten, indem wir genügend trinken. Die meisten von uns trinken zu wenig. Aber gerade bei erhöhten stimmlichen Leistungsanforderungen ist genügend Flüssigkeitszufuhr unabdingbar. Am besten ist, man hat immer eine Flasche Wasser bei sich, um eine kontinuierliche Versorgung der Phonationsorgane (= stimmgebenden Organe) mit Flüssigkeit zu gewährleisten.

 Artikulation:

Eine deutliche Artikulation fördert die Verständlichkeit und entlastet die Stimme. Denn das, was die Artikulation zur Sprachdeutlichkeit beiträgt, kann die Stimme an Lautstärke einsparen. Natürlich sollte die Artikulation auch nicht übertrieben werden, sonst wirkt sie künstlich und aufgesetzt. Ein lockerer Kiefer fördert eine gute Kieferöffnung beim Sprechen und trägt dadurch dazu bei, dass viel mehr Stimmklang bei den Zuhörern ankommt. Gähnen sie ruhig mal zwischendurch. Gähnen weitet und entspannt den Mundraum und die Artikulationswerkzeuge (Lippen, Zunge, Kiefer, Gaumensegel). Auch Artikulationsübungen vor längerem Sprechen sind sehr empfehlenswert!

 

Einige Stimmpflegetipps:

-Viel Wasser trinken um die Schleimhäute zu befeuchten.

-Rauchen, Kaffee und Alkohol meiden (sie trocknen die Schleimhäute aus).

-Vermeiden Sie im Winter so gut wie möglich trockene Heizungsluft

   (Grund wie oben)

-Atmen Sie wann immer möglich durch die Nase (nicht durch

  den Mund).

 (Grund: Auf dem Weg durch die Nase wird die Einatemluft gereinigt,   

   befeuchtet und angewärmt).

-Sprechpausen einplanen und auch halten = so kann sich die Stimme

  regenerieren.

-Bereiten Sie sich auf besondere stimmliche Anforderungen durch    Artikulationsübungen vor, z.B. indem sie sanft auf „m“, „n“, oder „ng“ summen und dabei Kaubewegungen ausführen. Diese Übung ist auch sehr gut geeignet, um die Stimme nach dem Aufwachen in Schwung zu bringen.

 

Seien Sie gut zu Ihrer Stimme – dann ist Sie ebenfalls gut zu Ihnen! 

Die Pause – ihr Wert beim Sprechvorgang

Text: Daniel Hünermund

 

Allgemeine Überlegungen zum Thema Pause:

Die Pause hat sowohl beim Atemvorgang als auch in der sprecherischen Gestaltung von Texten eine wichtige Funktion. Bei einem physiologisch gesunden Atemrhythmus erfolgt nach der Ausatmung eine Pause. Diese Pause ist nicht als ein Anhalten der Atmung zu verstehen, sondern als eine kurze Lösung der Atemmuskulatur, sowie ein Gleichgewicht der Aus- und Einatemkräfte. Aus dem Moment der Lösung entsteht der neue Impuls zur Einatmung. Die Existenz der Pause/Lösung,sowie ihre Qualität sind für die Qualität der nachfolgenden Ein- und Ausatmung bestimmend (vgl. Saatweber S.22).*

Pausen sind auch beim Sprechen, im besonderen in der künstlerischen/sprecherzieherischen Gestaltung von Texten wichtig. Die Pausen selbst sind Gestaltungsmittel, durch die der Text

gegliedert und in Sinnabschnitte unterteilt wird. Durch bewusst gesetzte Pausen kann der Zuhörende dem Text gedanklich besser folgen. Der Zuhörer braucht meist länger,einen Satz wirklich zu verstehen, als wir als Sprecher annehmen! Daher ist eine bewusste Pausengestaltung nicht nur ein Mittel um den gesprochenen Text zu gliedern und zu rhythmisieren,

sondern auch um sicher zu stellen, dass der Inhalt des Vortrags wirklich beim Zuhörer ankommt und von diesem verarbeitet werden kann.

Ein weiterer Punkt ist die regenerative Wirkung der Pausen während des Sprechens. „Die regenerative Wirkung für den Sprechenden beruht darauf, dass erst aus der Lösung heraus der unwillkürliche Einatmungsimpuls sich durchsetzen kann. Das Vegetativum „weiß“ am besten, was der Körper braucht.“ (Saatweber S. 22-23).* Außerdem wird durch physiologisch richtig gesetzte und verwendete Pausen die nachfolgende Einatmung verbessert. Dadurch wiederum kann das Zwerchfell tiefer greifen und durch die Verbindung des Zwerchfells mit dem Kehlkopf (über elastische Züge) verbessert sich zudem der Stimmschluss. Was so eine kleine Pause doch alles bewirken kann – ist das nicht ganz erstaunlich??

Wir unterscheiden 2 Arten der Pause während der Phonation (=Stimmgebung):

1) Der Nachhauch bzw. die ausschwingende Pause > genauer gesagt: der Nachhauch führt in die ausschwingende Pause.

2) Die abfedernde Pause > diese führt zu einer reflexartigen Luftergänzung.

Das in der Einführung gesagte bezieht sich auf beide Pausenarten, im folgenden soll es aber speziell um die abfedernde Pause gehen.

Die abfedernde Pause

Definition:

Die impulshafte Atemlösung führt in die abfedernde Pause (das Zwerchfell „federt“) und diese zur reflexartigen Luftergänzung. Bei der reflexartigen Luftergänzung geht das Zwerchfell nicht ganz in die Ausatemstellung, d.h. es steigt nicht ganz nach oben, sondern federt kurz in die Einatemstellung zurück, es zieht sich also kurz zusammen. Dabei wird reflexartig nur soviel Luft ergänzt wie verbraucht wurde. Deshalb ist die abfedernde Pause mit einer sich anschließenden reflexartigen Luftergänzung richtig ausgeführt ein sehr ökonomischer Vorgang > es wird nur soviel Luft ergänzt, wie während des augenblicklichen Sprechvorgangs gebraucht wird – nicht mehr und nicht weniger!

Der Charakter der abfedernden Pause:

Die abfedernde Pause hat einen raschen, knappen, leichten, temperamentvollen und prägnanten Charakter. Am Ende jeder Phonationsphase wird die Atemmuskulatur gleich-

sam durch einen kleinen Rückstoß reflexartig in die Inspiration „geschleudert“

(vgl. Saatweber S. 24).*

Verwendung der abfedernden Pause:

Die abfedernde Pause wird (fast) immer nach Kommata eingesetzt. Durch sie wird der Stimmspannungsbogen erhalten. Auch dient die abfedernde Pause dazu, wie schon in der Einführung erwähnt, Text zu strukturieren. In langen Texten, mit vielen Kommata, ist die abfedernde Pause besonders wichtig!  Durch die Pausensetzung kann der Sprecher das Tempo des Vortrags steuern. Durch den bewussten Einsatz der abfedernden Pause und dadurch, dass sich der Sprecher von Komma zu Komma am Text entlang hangelt, kann beim Zuschauer eine Erwartungshaltung aufgebaut und die Spannung erhöht werden. Dieser Spannungsaufbau kommt vor allem dadurch zustande, dass der Sprecher nach jedem Komma mit der Stimme nach oben geht und nicht, wie beim Punkt,nach unten (=das wäre beim Nachhauch und der ausschwingenden Pause der Fall).

Therapeutische Indikationen:

Es ist darauf zu achten, dass möglichst bei jedem Komma Luft ergänzt wird. Gerade bei Leistungssprechern bzw. erhöhten Sprechanforderungen ist die abfedernde Pause und die darauffolgende reflexartige Luftergänzung eine große Hilfe. Wenn zu Beginn des Vorgangs wirklich eine impulshafte Atemlösung erfolgt, kommt dadurch auch jedesmal der Kehlkopf und seine Muskulatur in eine kurze Lösung! Dies ist gerade bei erhöhten Sprech-anforderungen essentiell um eine schnelle Ermüdung der Stimme bzw. Heiserkeit zu vermeiden. Bei der abfedernden Pause ist darauf zu achten, dass eine Lösung des Kiefers und der Artikulationsmuskulatur erfolgt > dies ist wichtig, damit sich der Impuls in die Atemorgane hinein fortsetzen kann.

*Vergleiche zu den Zitaten: Margarete Saatweber, „Einführung in die Arbeitsweise Schlaffhorst-Andersen“, Schulz – Kirchner Verlag, Idstein 1997